HQ: »Jetzt haben wir ein Videobild. Ich glaube, der feierliche Akt beginnt. Der Mann im Vordergrund ist Generalmajor Robin, der Chef der Landetruppen. Er wird einige Worte sprechen.«
Robin: »Hiermit sei dieses Land dem Besitz der Freien Welt überantwortet. Möge diese Stunde der Beginn einer friedlichen und fruchtbaren Entwicklung sein. Es lebe die Einigkeit, das Recht und die Freiheit!«
HQ: Drei Angehörige des Landungsteams ziehen die Fahne der Freien Welt am Flaggenmast hoch, von den Videokameras im Profil gegen den Himmel erfaßt. Dazu erklingt die Hymne, vorgetragen vom Chor der Marine – die Stimmen wirken ein wenig gequetscht, denn die Helme müssen geschlossen bleiben. Die Fahne entfaltet sich im Wind. Man hört einzelne Jubelrufe.
Hatten Sie Angst?
Nein.
Es wäre die normale Reaktion gewesen.
Uns war versichert worden...
Haben Sie darauf vertraut?
Ja.
Aber nicht völlig.
Nein, nicht völlig. So sicher war ich mir nicht. Ich wußte nicht, was geschehen könnte. Fernzündung des Treibstoffs? Störung der Steuerung? Lufttorpedos? Es wäre wahrscheinlich schnell gegangen. Wir hätten vielleicht gar nichts gemerkt. Angst hatte ich nicht.
Sie und Ihre Kollegen waren sorgfältig vorbereitet.
Ja.
Sie hatten sich seit langem mit dem Gedanken an eine Invasion beschäftigt. Hatten Sie nicht irgendeinen Verdacht, als sie in die Zone Null hineinkamen, und es gab keine Abwehr?
Nein.
Haben Sie sich mit den Angehörigen Ihres Teams darüber unterhalten?
Wir haben kaum gesprochen.
Was empfanden Sie nach der erfolgreichen Landung im Sperrgebiet?
Dasselbe wie alle andern.
Genauer!
Ich freute mich, daß alles glatt gegangen war.
War das alles?
Ich wußte, was die Landung bedeutete. Ich glaube, ich war tief bewegt.
Als Tibor seine Bemerkung über den Marinechor machte, hat jemand gelacht. Wissen Sie, wer es war?
Ich habe gelacht. Wir hatten uns früher einmal über den Chor amüsiert. Es hatte nichts mit den Feierlichkeiten zu tun.
Lieben Sie Musik?
Ja.
Was für Musik?
Nun... nicht gerade Chorgesang.
Hatten Sie damals irgendwelche Zweifel am Gelingen der Besetzung?
Nein.
Wir haben eine Bemerkung von Ihnen registriert... es war, warten Sie...
Ich weiß, was Sie meinen... Ich wußte, daß noch wichtige Aufgaben bevorstanden. Unsere Situation – ich meine, die unseres Teams – war von jener aller übrigen verschieden. Wir waren länger auf den Einsatz vorbereitet worden. Alles ging vor sich, wie wir es unzählige Male geübt hatten, es war nichts Überraschendes mehr dabei. Und außerdem... die Aufgabe der anderen war beendet, unsere fing erst an.
Dan – Kybernetiker, Homöostase bei komplexen und sehr komplexen Systemen, Organisationskybernetik, Spieltheorie, allgemeine Formalismen für strategische Konzepte.
Pavel – Soziologe, Verhaltenslehre des Menschen, Informationswege in Soziostrukturen, politische Konzepte; Theoretiker der Umschulung.
Greg – Linguist, Übersetzungsautomaten, alte Sprachen, Geschichte; Spezialist für das Brechen von Codes.
Josef – Schwachstromtechniker, Funker, Erfahrung mit Hör- und Sehfunkübertragungen; Verwalter der Vorräte.
Tibor – Elektrotechniker, Feinmechaniker, Waffentechniker, Pilot.
Sonja – Sprecherin, Fernsehansagerin, Dolmetscherin; mit 18 Jahren Jahresbeste im Zehnkampf.
Sie lehnten in den harten Kissen des Ballonwagens. Sie trugen ihre Schutzanzüge und schwitzten unter der ungewohnt stechenden Sonne. Tibor hockte hinter dem Steuerrad und fluchte.
Vor ihnen fuhren sechs der Transporter und, allen weit voran, der Rover, der automatische Analysewagen. Seine besondere Aufgabe: Kontrolle der Radioaktivität. Erst zweimal hatte er Alarm gegeben, sie hatten strahlende Inseln umfahren, aber es war eher eine Vorsichtsmaßnahme gewesen, sie hätten die Strahlung ohne weiteres, auch längere Zeit hindurch, vertragen. Übertriebene Sicherheit – so würden sie wohl weiterhin verfahren müssen, wenn sie Erfolg haben wollten. Aber Sicherheit schränkt den Freiheitsgrad ein, dachte Dan. Doch er sagte nichts.
Wieder war es Tibor, der aussprach, was alle dachten. »Warum lassen sie uns nicht die verdammten Masken abnehmen? Man kann sich ja nicht einmal den Schweiß abwischen. Die Sichtscheibe läuft an – wie soll ich da steuern?«
»Hättest Scheibenwischer einbauen müssen.«
Die Radioaktivität läßt sich kontrollieren. Das Problem waren die Krankheitserreger. Hatte hier jemand entkeimt? Niemand wußte es. Sporen und Viren altern nicht, bleiben virulent. Eine genaue Analyse dauert Tage... Mikroskop, Stereoscan, Immuntest. Doch selbst das sind nur Stichproben.
»Seid still«, bat Josef.
»Tut sich was im Äther?«
»Eine Menge!«
»Laß uns mithören!«
Er ließ den Schalter nach rechts klicken, und alle horchten. Es knackste, heulte, summte.
»Sind unsere Geräte entstört?«
»Ja. Es kommt von draußen.«
Josef wies nach vorn. Noch war nichts zu sehen als Grus – eine Wüste, ohne Abwechslung, ohne Anhaltspunkte, künstlich eingeebnet, trostlos.
»Sonst nichts? Morsezeichen? Sprache? Geh auf andere Wellenlängen!«
»Tu ich die ganze Zeit. Nichts. Nur diese Geräusche. Es ist aber kein leeres Rauschen... Horcht!«
Es sang, hoch, tief, hoch, tief.
Sie hörten es den ganzen Tag – es änderte sich nicht, doch es wurde lauter.
Am Abend wurde das Zeichen zum Halten gegeben. Der Rover schlug einen Kreis, durchschnüffelte die umrundete Fläche. Kein Zeigerausschlag.
»Freigegeben!«
Der Troß rückte nach – fünfzehn Fahrzeuge, zehn Mannschaftswagen, fünf Transporter. Die Soldaten stiegen aus, plump in ihren Anzügen, aber bald standen die Zelte, waren die Luftschleusen bereit.
Die sterilisierende Flüssigkeit überrieselte sie. Das Aerosol hing in der Luft wie Nebel, und sie warteten auf den Niederschlag. Die automatische Uhr beseitigte die Sperre, sie stießen den Deckel auf, stiegen hinein, schälten sich aus ihren Rüstungen.
»Das tut gut!«
»Jetzt eine kalte Dusche!«
»Wir haben zwölf Liter Wasser pro Tag; also seid sparsam!«
»Regnet es hier nie?«
»Vielleicht kontrollieren sie das Wetter.«
Sie blickten durch die Fensterschlitze in der welligen Kunststofffolie, in Augenhöhe rings um das Zelt angeordnet.
»Warum lassen sie sich nicht sehen?«
»Wissen sie nicht, daß wir kommen?«
»Sie verlassen ihre Städte nie.«
»Und die automatische Verteidigung?«
»Ist außer Funktion – sonst wären wir nicht so weit gekommen.«
»Vielleicht sind sie wehrlos, haben Angst.«
»Vielleicht leben sie nicht mehr.«
»Und die Funksignale?«
»Erinnere Josef nicht an die Signale, sonst setzt er sich sofort wieder an seinen Kasten. Er soll lieber ein paar Konserven herausrücken.«
»Und ein paar Dosen Bier!«
Auf zwei Luftmatratzen saßen sie beisammen und fühlten sich wohl. Sie hatten gelernt zu essen, wenn Essen auf dem Programm stand, und zu schlafen, wenn Schlafen auf dem Programm stand, sie waren drei Jahre lang ausgebildet worden, nicht immer in dieser Besetzung, doch so hatte sich die Mannschaft schließlich ergeben – als die stabilste Kombination, die möglich war. Sie waren einander sympathisch, vertrugen sich, ohne sich anzuöden; sie wußten genau, daß Pavel ausgewählt worden war, weil er Ruhe ausstrahlte und Differenzen zu schlichten verstand. Tibor hatte gegensätzliche Charaktereigenschaften; er war lebhaft und erregte sich oft über Kleinigkeiten. So kam es nie zu jener lähmenden Erstarrung, wobei jeder nur vor sich hinbrütet. Aber niemand zweifelte daran, daß Tibor, wenn es hart auf hart ging, einer der Zähesten war. Und Sonja? Wahrscheinlich hatte man aus ähnlichen Gründen eine Frau eingeschaltet; so gab es immer Spannung – eine unterdrückte Spannung allerdings, denn die dunkelblonde Sonja strahlte Kälte aus wie Eis.