Um 9 Uhr 20 besteige ich in München das Flugzeug, um planmäßig um 11 Uhr 10 in Cagliari zu landen. Meinen Reisekoffer mit einem traumhaft schönen petrolfarbenen Cocktailkleid, klassisch elegant und, wie mir scheint, genau richtig für diese folkloristische Hochzeit, habe ich aufgegeben. Man muss sich doch ein bisschen absetzen von der Braut, und außerdem neigen Italiener aus dem Süden zu grauenhaftem Kitsch, was sowohl ihre Kleidung als auch ihren Schmuck angeht. Es ist gut, wenn ich sofort als die tedesca zu erkennen bin.
Brunos Maschine aus Rom soll eine halbe Stunde nach mir landen, ich kann inzwischen mein Gepäck holen und dann bei einem gemütlichen Cappuccino in der Eingangshalle auf ihn warten. Unser Leihauto steht am Flughafen bereit, wir können gegen Mittag losfahren, gerade rechtzeitig, um eine knappe Stunde später in Gesturi vom harten Kern der Familie der Braut in Empfang genommen zu werden. Dann folgt ein Mittagessen, und Bruno, der zum Trauzeugen erkoren wurde, muss anschließend mit Maurizio zum örtlichen Pfarrer, um die Hochzeit zu besprechen. Ich habe also genügend Zeit, um auszupacken und es mir in unserer Pension gemütlich zu machen. Va bene! Das ist, laut Bruno, unser Plan.
Wunderschön ist der Anflug auf die Insel. Mindestens eine Viertelstunde lang fliegen wir an der Ostküste mit ihren schneeweißen Stränden und wunderschönen Häusern entlang, und insgeheim träume ich von einem Häuschen hier, nur ein klitzekleines, maximal fünf Minuten vom Strand entfernt. Wie lange schwärme ich schon von einem Balkon mit Blick aufs Meer, wo ein Tisch und zwei Stühle Platz haben. Sonst nichts. Ein Balkon zum Träumen und Genießen.
Nach der Landung sitzen wir erst mal im Bus fest, der uns an der Gangway erwartet hat. Keine Ahnung, warum es nicht weitergeht! Endlich setzt er sich, nach einer gefühlten Viertelstunde, in Bewegung, ohne dass auch nur irgendjemand eine Erklärung abgegeben hätte. Aber das kenne ich schon aus Italien. Sicher musste der Fahrer noch einen wahnsinnig dringenden Anruf tätigen. Italiener lassen alles stehen und liegen, wenn ihr telefonino klingelt, und dann reden sie so laut und vor allem lange, dass jeder um sie herum mitbekommt, wie wichtig sie sind.
Es darf nicht wahr sein, jetzt hält der Bus vor der Halle und macht die Türen nicht auf!
Wenn das so weitergeht, muss nicht ich auf Bruno warten, sondern er auf mich. Passt mir gar nicht, weil ich gerne noch einen Cappuccino trinken würde, immerhin bin ich ja schon um sechs in der Früh aufgestanden. Außerdem geht mir dieses laute Gequatsche der italienischen Passagiere auf die Nerven. Was haben die eigentlich alle in München gemacht? Es sind doch gar keine Ferien! Und das Oktoberfest ist auch schon zehn Tage vorbei.
Na ja, Geschäfte werden sie gemacht haben, was sonst? In München leben angeblich sechzigtausend Italiener, und fast alle arbeiten in der Gastronomie oder besitzen ein Schuhgeschäft. Die Luft hier im Bus wird mit der Zeit nicht besser, und warm scheint es draußen auch zu sein. Die Sonne hat jedenfalls noch enorme Kraft, das merkt man sogar durch die Fensterscheiben.
Zur Toilette würde ich eigentlich auch gerne gehen. Im Flieger bin ich immer zu faul, mich durch die Reihen zu quetschen. Außerdem mag ich es nicht, wenn dann über mich getuschelt wird. Aha, die Speidel muss aufs Klo!
Jetzt kommt eine Stewardess mit Sicherheitsbeamten über das Rollfeld. Sie schwenkt Papiere in der Hand und gestikuliert lebhaft. Vielleicht ist George Clooney mit Bodyguards in der Wartehalle und gibt Interviews. Ist mir alles gleich, ich will jetzt raus aus diesem stickigen Bus. Und siehe da, endlich öffnet sich die Tür! Ein unglaublicher Lärm von Hunderten von Stimmen empfängt uns, dazwischen Gemeckere von Ziegen und Schafen, dann wiederum langgezogene »IIIIIIIAAAAAAAAHs« von Eseln. Wütende Stimmen skandieren mir unverständliche Sprechgesänge. Ich sehe nichts, denn die Türen der Halle sind geschlossen, und es müffelt ganz schön nach Ziege!
Ich kann mir keinen Reim darauf machen. Vielleicht ist eine Maschine mit einem Viehtransport gelandet, und sie müssen jetzt erst mal die Tiere versorgen? Plötzlich muss ich lachen. Wenn ich jetzt zum Beispiel gar nicht auf Sardinien gelandet bin, sondern das nur glaube und wir eine Notlandung auf einer griechischen Insel machen mussten? Na, das wäre eine Erklärung!
Um mich herum wird laut diskutiert. Ein paar Brocken verstehe ich, aber das meiste ist für mich absolut unverständlicher sardischer Dialekt, in dem sich die Konsonanten mit den Vokalen zu einem Brei vermischen, der tief im Rachen wiedergekäut wird und sich ohne Punkt und Komma in einer Buchstabeneruption entlädt. Fasziniert beobachte ich einen bäuerlich aussehenden Mann, dessen Gesicht bei jedem Wort nur so glüht. Was mag ihn so begeistern? Immer wieder verstehe ich ein Wort, das teilweise enthusiastisch und dann von anderen wiederum verärgert ausgesprochen wird, nur mir sagt es leider rein gar nichts.
»SCIOPERO, SCIOPERO«, rufen sie, »Pecore Sciopero.« Das muss ein wirklich wichtiger Mann sein, denk ich mir. Schräg vor mir steht ein Pärchen mittleren Alters, offensichtlich ebenso wie ich mit dieser Situation überfordert. Hilfesuchend blicken sie sich in der Menge um, bis dann ihr verzweifelter Blick an mir klebenbleibt. Ich zucke mit den Achseln, um ihnen zu signalisieren, dass ich leider auch nicht weiterhelfen kann. Ich lächle ihnen zu, um sie zuversichtlich zu stimmen. Sicherlich kommt gleich unser Gepäck, und alles wird sich klären. In Italien ticken die Menschen halt anders als bei uns in den nördlichen Gefilden. Mit etwas Humor betrachtet ist das ja auch wieder sehr lustig, und ist es nicht letztlich der Grund, warum wir Deutschen Italien so lieben? Es kann ja nicht nur an den Spaghetti liegen, die kochen wir mittlerweile ebenso gut. Die Frau lächelt zurück, ich nicke noch mal aufmunternd und sage laut: »Es wird bestimmt alles gut. Wenn Sie Probleme haben, können Sie sich ruhig an mich wenden, ich verstehe Italienisch.« Ich hab sie ja wohl nicht alle! Kein Wort verstehe ich. Warum nur hab ich das gesagt? Diesen Satz werde ich noch bereuen!
Die Rollbänder, auf denen wir sehnsüchtig unsere Koffer erwarten, stehen still. Nichts tut sich, keiner kommt und gibt eine Erklärung ab, warum wir hier wie Vieh im Stall festgehalten werden. Wenigstens eine Ansage könnten sie machen, vielleicht sogar auf Englisch, damit auch die armen Touristen Bescheid wissen. Minute um Minute vergeht, ohne dass sich auch nur das Geringste tut, und in mir steigt leichter Groll hoch. Meine einzige Hoffnung ist, dass Bruno in wenigen Minuten landet und wir dann wenigstens zu zweit in diesem Chaos stehen und er in kürzester Zeit herausfindet, was los ist.
Und wirklich, ich höre Flugzeugbrummen, das mich hoffnungsfroh stimmt. Plötzlich öffnen sich die Türen zur Eingangshalle. Ich versuche an meinem Platz zu bleiben, schließlich habe ich ja mein Gepäck noch nicht, aber ein Italiener in Uniform, Polizist oder Sicherheitsbeamter, das kann ich nicht erkennen, winkt uns, zu kommen.
»Kommen Sie bitte, hier entlang«, dann bricht eine Tirade Sardisch über uns herein, der ein absolut unverständliches Kauderwelsch, das wohl Englisch sein soll, folgt. Ich kann nicht anders, hinter mir setzt sich die Menge in Bewegung und zieht mich mit. Unbekannte Hände drücken mich nach vorne. Wie in einem Horrorfilm. Einmal in meinem Leben wollte auch ich demonstrieren, ich erinnere mich nicht mehr, wofür. Es war Anfang der siebziger Jahre. Ich marschierte friedlich, aber irgendwelche Parolen von mir gebend auf der Ludwigstraße in München, vorbei an den großen Universitäten, mit Blick auf die Feldherrnhalle. Man hatte uns gewarnt, die Polizei werde hart durchgreifen, wenn es zu Ausschreitungen kommen würde. Abenteuerlustig, wie ich nun mal war, gepaart mit großer Naivität, schließlich bin ich auf dem Land aufgewachsen, also eine echte Landpomeranze, wollte ich eben auch mal ein Revoluzzer sein. Ich folgte dem Tross, die Hand nach Che-Guevara-Art kampfbereit zum Himmel emporgereckt. Plötzlich vernahm ich ein Brummen aus den Seitenstraßen, und ehe ich mich’s versah, rollten Wasserwerfer auf die Demonstranten zu. Die Menge stob auseinander. Ich rannte in die Schellingstraße und konnte mich in letzter Minute in einen Hauseingang drücken, bevor ein dicker, gewaltiger Wasserstrahl an mir vorbeischoss. Für Bruchteile von Sekunden streifte er meinen Arm, und ich dachte, er wäre gebrochen. Dieses Erlebnis war wie ein Schock und hat mich für alle Zeiten von jeglichen Demonstrationen geheilt. Ich bin bei Gott kein feiger Mensch, aber Gewalt ist mir verhasst.