Nur mit Bademantel und Pyjama ist es ein wenig kühl im Keller, aber nach ein paar Schlucken Vermentino und Cannonau akklimatisiere ich mich. Allerdings nehme ich mir eingedenk des letzten Saufgelages vor, es diesmal nicht zu übertreiben. Die Besichtigung des Weinkellers ist eine hochinteressante Einführung in die modernen Keltereitechniken und eine Reise in Don Geraldos Familiengeschichte.
»Der alte Stuhl, in dem sich die bewusste Ahnin von ihren Liebesabenteuern ausruhte, musste einem Sessel aus dem achtzehnten Jahrhundert weichen. Die Fässer aus rostfreiem Stahl stehen, wie Sie vielleicht bemerkt haben, jedoch keineswegs im Widerspruch zu denen aus Holz. Und das hier in der Mitte ist die alte Drehscheibe, sie steht hier, um uns daran zu erinnern, wie sich damals alles um den Wein drehte. Wer weiß, vielleicht drehte sich die lebenslustige Urururahnin in einer frühen Form von Lapdance darauf? Probieren Sie doch diesen Vermentino hier …«
Wir gehen durch einen drei Meter langen Gang zur Ölmühle. Don Geraldo erklärt mir jetzt sämtliche wichtigen Phasen der Ölherstellung, von der Sortierung bis zum Pressvorgang, bei dem man schließlich sein geschätztes Novello-Öl erhält. Während er eine Scheibe Carasau-Brot mit einem Löffelchen davon tränkt, fährt er fort:
»Ich möchte Ihnen noch eine Legende über den Granatapfel erzählen … Folgen Sie mir bitte.«
Nun geht es weiter nach unten, ein Gang mit einer Fassdecke führt in einen weiteren Keller.
»Hier hing früher die rodda, das Schweinsrad. In diesem Keller reiften die Würste. Jetzt haben wir einen Holzschuppen daraus gemacht. Aber zu Zeiten der bewussten Urururahnin war es das Antichambre, in dem die jungen Liebhaber mit den Granatäpfeln übten. Doch ich wollte eine andere Geschichte erzählen: die Legende vom Gespenst einer traurigen Nonne, die nach Aussagen einiger Einwohner von Villamar auch heute immer noch bei Vollmond mit einem Granatapfel hier umgehen soll. Sie basiert auf einer Sage über eine andere Urahnin, die sich in einen jungen Soldaten verliebte. Als der Vater das Liebespaar entdeckte, ließ er den Soldaten unverzüglich umbringen, aber aus Trotz weigerte sich das Mädchen, einen anderen zum Mann zu nehmen, und daher zwang der Vater sie, ins Kloster zu gehen. Das junge Ding starb aus Gram, aber ihr Geist versucht immer noch, in den Gemäuern des Familienguts Frieden zu finden.«
»Hoffentlich hat sie noch niemand wirklich gesehen …«
»Ich bestimmt nicht, lieber Freund, aber Lenardedda schon. Zumindest behauptet sie das …«
»Das hätte ich mir ja denken können …«
»Wie meinen Sie das?«
»Ich möchte Sie ja nicht beleidigen, Marchese, aber diese Frau scheint mir für solche Geschichten empfänglich …«
»Ja, sie ist tatsächlich etwas naiv. Aber Lenardedda ist bestimmt nicht dumm. Außerdem ist sie nicht die Einzige, die meint, das Gespenst gesehen zu haben. Auch meine alte Mutter sagte, dass sie ihm in einer Sommernacht begegnet ist … Aber das ist schon viele Jahre her. Nun, wie ist das olio novello?
»Wirklich ausgezeichnet, ein Öl mit einem intensiven und lang anhaltenden Duft.«
»Das freut mich, kommen Sie … Gehen wir wieder nach oben. Das Abendessen dürfte jetzt serviert werden.«
Ich schäme mich beinahe, wenn ich Ihnen nun aufzähle, was sich alles auf dieser Tafel türmt: ein großartiger Tafelaufsatz aus dem achtzehnten Jahrhundert mit kreisförmig angeordneten Schalen und wunderbaren Putten aus Biskuitporzellan, zwei Kandelaber rechts und links sowie silberne Brotkörbchen, das Meisterwerk eines Goldschmieds aus Iglesias, das aus England stammende Besteck, ebenfalls aus Silber, Kristallgläser, auf denen Jagdszenen eingeschliffen sind, Teller und Unterteller aus altem Porzellan mit dem klassischen blauweißen Muster aus Cagliari und den unverwechselbaren Goldinitialen »GV« in der Mitte. Schließlich an beiden Enden der Tafel für uns Gäste aufgestellte Stühle und der Sessel mit merkwürdigem Flammenschnitzwerk in der Lehne für den Marchese vor dem Kamin. Von meinem Tischende sehe ich auf ein Stillleben mit einem toten Pfau an der Wand, dessen Kopf auf einen Korb mit Granatäpfeln weist. Jutta blickt auf ein wesentlich erschreckenderes Bild, ein Porträt von Donna Giuditta Valdes. Lenardedda kommt langsam mit einer riesigen dampfenden Suppenschüssel aus der Küche. Zum ersten Mal hören wir ihre schrille Stimme:
»ES IST SERVIERT!«
Während der Marchese eine endlose Eloge auf seine verstorbene Mutter hält, kann ich meinen Blick gar nicht mehr von dem Gemälde lösen. In meinem Kopf entspinnt sich langsam ein Film, dessen Hauptfigur eine Adlige aus Aragonien ist, die nach einem zügellosen Leben im Luxus von ihrem Vater, einem Gutsbesitzer aus Villamar, ins Kloster gezwungen wurde. Dort verbrachte sie die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens in absoluter Einsamkeit, um für ihre Sünden zu büßen. Sie meditierte und fügte ihrem Körper unsägliche Martern zu, und schließlich starb sie an innerem Fieber. Eines Tages spross unter den vielen Pflanzen, die die Erde rund um ihr Grab wachsen ließ, ein Granatapfelbaum. Dessen unzählige Samen, so leuchtend rot wie kostbare Rubine, die ein Symbol für ein blühendes Leben sind, gaben nicht nur Frauen, die keine Kinder mehr bekommen konnten, die Fruchtbarkeit zurück, sondern konnten die weibliche Lust verlängern. So wurde dieses Grab zu einem beliebten Pilgerort, vor allem für die Frauen aus dem Campidano, aber auch für viele Menschen aus anderen Städten und Grafschaften des Königreichs. Irgendwann bemerkten die Ehemänner, dass auch andere Männer von den Wohltaten dieses Baumes profitierten, und da sie die Affären ihrer Gemahlinnen nicht mehr dulden wollten, beschlossen sie einstimmig, einen Pfau als Wächter dieses Grantapfelbaums einzusetzen. Mit seinem stolzen Blick sollte er von nun an das ständige Hin und Her unterbinden. Seit der Antike hatte dieses Tier sich als unerbittlicher Schlangenjäger hervorgetan, so dass man allgemein annahm, es würde die typischen bunten Farben seiner Schwanzfedern durch Aufnahme des Schlangengifts erhalten. So wurde der Pfau nun der Beschützer der unglückseligen gebrochenen Herzen. Auch Bruno war so ein junger Ehemann, und jemand hatte sich in den Kopf gesetzt, sein Liebesleben zu stören, indem er Jutta den Hof machte, seinem wunderschönen Weib, das sich gemeinsam mit ihm auf den Weg zum Grabmal der adligen Nonne gemacht hatte. Seit diesem Tag wurde sie von einem Jüngling aus Cagliari umworben. Zunächst wies sie sein Ansinnen zurück, doch dann folgte sie ihren niederen Instinkten und schließlich den berückenden Blicken des jungen Mannes, der sich bald als äußerst gefährlicher Liebhaber erwies. Als sie eines Tages mit ihm wieder zu dem alten Grabmal pilgerte, um erneut von dessen kostbaren Samen zu naschen, stand der Frau auf einmal ein riesiger Pfau gegenüber. Um die Lüsternheit der beiden zu bestrafen, fächerte dieser seinen Schwanz auf und schüttelte von seinen bunten Federn Gift in die Luft, womit er die beiden sündigen Ehebrecher vertrieb.
»Liiiebling, wo bist du denn wieder mit deinen Gedanken? Komm mal wieder auf den Boden zurück …«, ruft die einzig wahre Jutta.
Ich kehre ganz plötzlich in die Wirklichkeit zurück, doch dann gelingt es mir, mich an dem Gespräch zu beteiligen, da ich doch – zwischen Pfau und Granatapfel – die eine oder andere Bemerkung aufgeschnappt habe.
»Aaaach, wissen Sie, ich habe gerade gedacht, dass Safran und neues Öl ihr Tod sind.«