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»Würde es helfen, wenn ich sage, dass mir das leidtut?«

»Nein.« Er hatte die Lippen schmal zusammengepresst, und ich sah das Blut auf beiden Halsseiten heiß pochen. »Ich bin fuchsteufelswild, und was alles noch schlimmer macht, ist die Tatsache, dass ich niemand habe, auf den ich wütend sein kann. Auf die Kinder kann ich nicht zornig sein, weil sie eben nur Kinder sind, aber wenn Shannon nicht schwanger wäre, würde ich sie übers Knie legen und versohlen, weil sie sich nicht besser betragen hat, obwohl sie’s besser gewusst hat. Sie ist in Elternhaus und Sonntagsschule besser erzogen worden.«

Ich wollte ihn fragen, ob er glaube, Henry sei falsch erzogen worden. Stattdessen hielt ich den Mund und ließ ihn alles sagen, worüber er auf der Fahrt hierher vor Wut geschäumt hatte. Er hatte sich eine kleine Rede zurechtgelegt, und wenn er sie gehalten hatte, würde er vielleicht umgänglicher sein.

»Ich würde Sallie gern vorwerfen, den Zustand des Mädchens nicht früher erkannt zu haben, aber Erstgebärende tragen ihr Kind gewöhnlich hoch, das weiß jeder, und … Gott, du kennst ja die Kleider, die Shan trägt. Die sind auch nichts Neues. Diese Altweiberkleider trägt sie, seit sie mit zwölf zum ersten Mal ihre…«

Harlan hielt seine dicklichen Hände vor die Brust. Ich nickte.

»Und ich möchte auf dich zornig sein, weil du dich anscheinend vor diesem Gespräch, das Vater und Sohn führen sollten, gedrückt hast.« Als hättest du eine Ahnung davon, wie man einen Sohn erzieht, dachte ich. »In dem man ihm erklärt, dass er eine Pistole in der Hose hat, die er gesichert lassen soll.« Ihm blieb ein Schluchzen in der Kehle stecken, und dann brach es aus ihm heraus: »Mein … kleines … Mädchen ist zu jung, um Mutter zu werden!«

Ich hätte auch fragen können, ob er vielleicht ein wenig Schuld für sich reserviert habe, wenn er sie so großzügig verteile, aber ich hielt den Mund. Schweigsamkeit war eigentlich nicht meine Art, aber durch das Zusammenleben mit Arlette hatte ich reichlich Übung darin.

»Nur kann ich auch nicht auf dich zornig sein, weil deine Frau dich im Frühjahr sitzen lassen hat, wodurch du natürlich abgelenkt warst. Also bin ich hinters Haus gegangen und hab fast ein verdammtes halbes Klafter Holz gehackt, bevor ich hergekommen bin, um etwas von meinem Zorn abzuarbeiten, und das hat anscheinend geholfen. Ich hab dir die Hand geschüttelt, nicht wahr?«

Das Eigenlob in seiner Stimme reizte mich dazu, zu sagen: Wenn’s keine Vergewaltigung war, braucht’s zum Tangotanzen wohl immer zwei. Aber ich sagte nur: »Ja, das hast du«, und ließ es dabei bewenden.

»Nun, das bringt uns dazu, was ihr in dieser Sache unternehmen wollt. Du und dieser Junge, der die Beine unter

Irgendein Teufel - vermutlich das Wesen, das von einem Besitz ergreift, wenn der Hinterhältige sich verabschiedet - ließ mich sagen: »Henry will sie heiraten und dem Baby seinen Namen geben.«

»Das ist so gottverdammt lächerlich, dass ich’s gar nicht hören will. Ich werde nicht sagen, dass Henry weder einen Pott hat, in den er pissen kann, noch ein Fenster, aus dem er ihn kippen könnte - ich weiß, dass du’s gut gemacht hast, Wilf, oder so gut, wie du kannst, aber das ist das Beste, was ich sagen kann. Wir hatten fette Jahre, aber du bist der Bank nur einen kleinen Schritt voraus. Wo wirst du stehen, wenn die Jahre wieder mager werden? Und das werden sie immer. Hättest du bares Geld von diesen 40 Hektar, sähe die Sache vielleicht anders aus - Geld federt harte Zeiten ab, das weiß jeder -, aber seit Arlette fort ist, hocken die dort draußen wie eine alte Jungfer mit Verstopfung auf ihrem Nachttopf.«

Nur einen Augenblick lang versuchte ich mir irgendwie vorzustellen, wie alles gekommen wäre, wenn ich Arlette in Bezug auf dieses scheiß Land nachgegeben hätte, wie ich es in so vielen anderen Dingen getan habe. Ich würde in Gestank leben, so wär’s gekommen. Ich hätte den alten Brunnen für die Kühe tiefer graben müssen, weil Kühe nicht aus einem Bach trinken, in dem Blut und Schweinegedärme schwimmen.

Wie wahr. Aber ich würde leben, statt nur zu existieren, Arlette würde mit mir leben, und Henry wäre nicht der mürrische, schwierige Junge, zu dem ich ihn gemacht habe. Der Junge, durch den seine Freundin aus Kindertagen eine Menge Ärger bekommen hat.

»Und? Was hast du also vor?«, fragte ich. »Ich bezweifle, dass du die Fahrt hierher nur unternommen hast, um mir

Er schien mir nicht zugehört zu haben. Er blickte über die Felder zu der Stelle hinaus, wo sein neuer Silo am Horizont aufragte. Etwas Schwermütiges und Trauriges lag in seiner Miene, aber ich habe zu viel durchgemacht und zu viel geschrieben, um zu lügen: Dieser Ausdruck bewegte mich nicht sonderlich. 1922 war das schlimmste Jahr meines Lebens gewesen, eines, das mich in einen Menschen verwandelt hatte, den ich nicht mehr kannte, und Harlan Cotterie war nur ein weiteres Schlagloch auf einem steinigen, erbärmlichen Straßenstück.

»Sie hat Köpfchen«, sagte Harlan. »Mrs. McReady in der Schule sagt, dass Shan die intelligenteste Schülerin ist, die sie in ihrer ganzen Laufbahn unterrichtet hat - und die reicht fast vierzig Jahre zurück. Sie ist in Englisch gut und in Mathe sogar noch besser - was bei Mädchen selten vorkommt, sagt Mrs. McReady. Sie kann Triggerometrie, Wilf. Hast du das gewusst? Selbst Mrs. McReady kann keine Triggerometrie.«

Nein, das hatte ich nicht gewusst, aber ich wusste, wie man Trigonometrie aussprach. Ich spürte jedoch, dass dies vielleicht nicht der richtige Augenblick war, die Aussprache meines Nachbarn zu korrigieren.

»Sallie wollte sie aufs normale College in Omaha schicken. Dort nehmen sie seit 1918 außer Jungen auch Mädchen auf, obwohl bisher noch kein Mädchen den Abschluss geschafft hat.« Er bedachte mich mit einem Blick, der schwer zu ertragen war: eine Mischung aus Abscheu und Feindseligkeit. »Die Mädchen wollen nämlich immer bloß heiraten. Und Kinder kriegen, dem Freimaurerorden ›Eastern Star‹ beitreten und den gottverdammten Fußboden aufwischen.«

Er seufzte.

»Shan könnte die Erste sein. Sie hat die Begabung und das Köpfchen dafür. Das hast du nicht gewusst, stimmt’s?«

Nein, tatsächlich nicht. Ich hatte einfach angenommen - eine meiner vielen Annahmen, die sich als falsch erwiesen haben -, sie eigne sich zur Farmersfrau, aber nicht zu mehr.

»Sie könnte sogar später am College unterrichten. Wir hatten vor, sie dorthin zu schicken, sobald sie siebzehn ist.«

Sallie hatte das vor, meinst du, dachte ich. Aus eigenem Antrieb wäre dein Farmerverstand nie auf eine derart verrückte Idee gekommen.

»Shan war einverstanden, und das Geld habe ich auf die Seite gelegt. Alles war arrangiert.« Als er sich mir zuwandte, hörte ich seine Halswirbel knarren. »Es ist immer noch alles arrangiert. Aber vorher - praktisch sofort - kommt sie ins katholische Mädchenheim St. Eusebia in Omaha. Sie weiß das noch nicht, aber dorthin kommt sie. Sallie hat davon gesprochen, sie nach Deland zu schicken - Sals Schwester lebt dort - oder zu meiner Tante und meinem Onkel in Lyme Biska. Aber weder traue ich einem von denen zu, das zu Ende zu führen, was wir beschlossen haben, noch hat ein Mädchen, das solche Probleme verursacht, es verdient, zu Leuten zu kommen, die es kennt und liebt.«

»Was habt ihr also beschlossen, Harl? Außer dass ihr eure Tochter in eine Art … ich weiß nicht … Waisenhaus schicken wollt?«

Er reagierte ungehalten. »Das ist kein Waisenhaus, sondern eine saubere, erbauliche, tüchtige Einrichtung. Das habe ich mir erzählen lassen. Ich habe mit dem Fernsprecher herumgefragt und überall nur Gutes gehört. Sie bekommt dort Aufgaben, sie bekommt ihren Unterricht, und in weiteren vier Monaten bekommt sie ihr Baby. Gleich danach wird das Kleine zur Adoption freigegeben. Dafür sorgen