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Lucas verbrachte den ersten Tag in New York allein. Er hatte eine feste Anstellung hinter sich und fühlte sich sicher und getragen. Es würde ihm vielleicht ein wenig leichter gefallen sein, in dem Leben der Stadt aufzugehen. Überall glaubte er eine unüberwindliche Reserve zu spüren. Die Menschen schienen nervös zu sein und keinen Sinn für Muße zu haben.

Ein anderer Onkel hätte ihn sehr wahrscheinlich in eine Familie aufgenommen. In einem anderen Haus hätte er unter Umständen bald Freunde gefunden. Aber er hatte keinen anderen Onkel und lebte auch nicht in einem anderen Haus. Lucas erkannte sofort, daß es von ihm abhing, was er aus seinem Leben in dieser Stadt machte. Noch ehe der Onkel sich von ihm verabschiedet hatte, begann der Junge darüber nachzudenken, welche Art von Leben für ihn die beste sein würde.

* * *

Das Gastzimmer des Espresso Maggiore war ein großer Raum mit einer quer stehenden Theke, auf der sich die Kaffeemaschine befand, die Kasse und die sauberen Tassen. In der Mitte standen schwere, kunstvoll geschnitzte Tische aus Venedig und Florenz. Neben den Wandzeichnungen, die ein Künstler aus der Nachbarschaft in italienischem Stil gemalt hatte, sah man hier und da noch ein modernes Gemälde in Goldrahmen und überzogen mit einer dicken Schicht Firnis. Auf allen Tischen stand eine Zuckerdose und eine etwas abgegriffene Speisekarte. Die pastellfarbigen Wände wirkten durch das spärliche Licht unwirklicher und verschwommen.

Der Mittelpunkt des ganzen Raumes und die Regiezentrale war die Kaffeemaschine. Es war schon die zweite. Die erste war eine jener stromlinienförmigen Superkocher gewesen, die zwar rassig aussahen, aber deren Kaffee nach nichts schmeckte. Onkel Maggiore hatte sie wieder verkauft — an das Kaffeeneikon. Die jetzige — niemand wußte, wo der Onkel sie aufgetrieben hatte, bestand aus einem schönpolierten hohen Metallzylinder, hatte Gasfeuerung, einen kunstreich dekorierten Dampfdom, vier weitausragende Füße und zischte zu allen Zeiten wie eine überheizte Dampfmaschine.

Lucas arbeitete von mittags zwölf bis drei Uhr morgens. Um Mitternacht hatte er immer am meisten zu tun, dann war keiner der Drahtstühle frei, und überall drängten sich erregt diskutierende junge und alte Leute.

Außer Lucas arbeiteten noch vier weitere Angestellte im Espresso Maggiore.

Carlo, der Geschäftsführer, war ein kleiner, untersetzter Mann um fünfunddreißig. Er sprach nicht viel und hielt sich fast immer diskret im Hintergrund. Er war dem Onkel sehr ähnlich, und jeder wußte, daß er aus diesem Grunde engagiert worden war. Er bediente die Kaffeemaschine. Manchmal stand er an der Kasse. Er zeigte Lucas, wie man Kaffee mahlt, die Tische sauberhält und die Tassen abwäscht. Die Einweisung dauerte zehn Minuten; von da ab ließ er den Jungen allein arbeiten.

Dann gab es noch drei Kellnerinnen. Zwei waren typische Village Mädchen, die eine kam aus dem Mittleren Westen und die andere aus Schenectady. Beide studierten auf einer Schauspielschule und arbeiteten nur zwischen acht und ein Uhr im Espresso Maggiore. Die dritte, Barbara Costa, kam aus der Nachbarschaft. Sie war ungefähr siebzehn oder achtzehn Jahre alt und arbeitete den ganzen Tag für Onkel Lucas. Sie war ein hübsches, schlankes Mädchen, die ihr Handwerk verstand und selten ihre Worte an die müßigen Burschen verschwendete, die nachmittags stundenlang über einer Tasse Capuccino saßen, um sich die Zeit zu vertreiben. Vielleicht kam es dadurch, daß sie den ganzen Tag über da war, daß Lucas sie bald besser kannte als die beiden anderen. Sie kamen gut miteinander aus und während der ersten Tage zeigte sie ihm, wie man fünf oder sechs Tassen auf einmal trägt, komplizierte Bestellungen behält und nicht falsch abrechnet. Lucas mochte sie gern; sie war freundlich und tüchtig: ihr Können verriet organisierte Übersicht und Klarheit. Er war froh, jemand zu haben, mit dem er von Zeit zu Zeit reden konnte.

Nach etwa einem Monat hatte sich Lucas an New York gewöhnt. Er kannte die verzwickten Straßenzüge ohne Nummern südlich des Washington Square, war mit den wichtigsten Untergrundstrecken vertraut und hatte in der Nähe seines Zimmers einen guten, nicht zu teuren Lebensmittelhändler gefunden. Er hatte sich nach den Aufnahmebedingungen der Abendhochschule erkundigt, einen Informationsbrief an das Technikum in Massachusetts geschickt und sich bei dem örtlichen Auswahlkommitee angemeldet. Alles war so verlaufen, wie er es sich vorgestellt hatte.

Es hatte einige Wochen gedauert, bis Lucas sich an das erinnerte, was sein Onkel gleich nach seiner Ankunft angedeutet hatte. Jetzt dachte er wieder daran und nahm sich vor, die Angelegenheit systematisch zu überdenken.

Noch etwa eineinhalb Jahre würde er wenigstens etwas Freizeit haben. Danach kamen acht Jahre intensivster Arbeit. Damit war die Entscheidung gefallen. Wenn er sich jemals ein Mädchen suchen würde, gab es keine bessere Zeit als jetzt.

7.

Das Flugzeug wurde zur Landung vorbereitet. An den Rückkanten der Tragflächen konnte man die herausgefahrenen Landeklappen sehen. Unten lag Long Island. Es waren noch etwa fünf Minuten bis zum Internationalen Flughafen von New York. Rogers und Martino, die die meiste Zeit in der Bar gesessen hatten, wurden von der Stewardeß gebeten, zu ihren Sitzen zurückzugehen und sich anzuschnallen. Martino nahm noch einmal sein Glas auf, führte es elegant an seinen Mund und trank den Cocktail aus. Dann stellte er es auf den Tisch zurück, und man sah, wie das Gitter seines Mundes wieder zuklappte.

Mit einer Papierserviette tupfte er sein metallenes Kinn ab und sagte zu der Stewardeß, ohne aufzusehen: »Sie müssen verstehen, Alkohol ist nicht gut für Stahl mit hohem Kohlenstoffgehalt.«

»Ich verstehe«, sagte die Stewardeß höflich.

Rogers schüttelte den Kopf. Während er mit Martino zu ihren Sitzen zurückkehrte, sagte er: »Sie haben recht, aber nicht wenn es sich um rostfreien Stahl handelt. Und Sie dürfen nicht vergessen, daß ich Ihre metallurgische Analyse gesehen habe.«

»Ich weiß.« Dabei schnallte er seinen Sitzgurt an. »Sie haben sie gesehen, nicht aber die Stewardeß.« Er hatte sich eine Zigarette in den Mundwinkel gesteckt und ließ sie unangezündet hängen, während der Pilot das Flugzeug in die Richtung der Landebahn eindrehte. Martino sah aus dem Fenster. »Komisch, man sollte nicht glauben, daß es noch zu früh ist, um hell zu sein.«

Das Flugzeug hatte kaum aufgesetzt, als er aufstand, seine Zigarette anzündete und mit dem selbstverständlichsten Ausdruck der Welt sagte: »Es sieht so aus, als seien wir angekommen. Ich muß sagen, es war ein netter Flug.«

Rogers sagte lakonisch: »Hm. Ganz gut.« Er stand ebenfalls auf und sah auf Finchley, der auf der anderen Seite des Ganges saß, schüttelte hilflos den Kopf und gab damit seinem Kollegen vom Sicherheitsdienst zu verstehen, daß dieser Mann — sei er Martino oder auch nicht — ihre Aufgabe nicht gerade leicht machen würde.

»Ich nehme an, Herr Rogers, daß wir uns auf einer so gesellschaftlichen Ebene wohl kaum mehr treffen werden. Ich weiß deshalb nicht, ob es unter den gegebenen Umständen schicklich ist, Ihnen Auf Wiedersehen zu sagen.«

Rogers streckte ihm wortlos die Hand hin.

Martinos rechte Hand war warm und sein Griff fest. »Es tut gut, mal wieder in New York zu sein; ich war seit zwanzig Jahren nicht mehr hier. Und Sie, Herr Rogers?«

»Ungefähr zwölf. Ich wurde hier geboren.«