Выбрать главу

Azarin brummte, um seine Nervosität zu verbergen. Es fiel ihm nicht leicht, diese grausame Szenerie zu beobachten. Schließlich lag da ein Mann, dessen schleimige Eingeweide an allen Stellen hervorquollen und mit denen dieser kleine Doktor Kothu spielte, als seien sie glatte Katzendärme.

Azarin gruselte es bei dem Gedanken, daß dieser Arzt dasselbe auch mit seinem Inneren machen konnte. Er sah sich schon auf jener Schlachtbank liegen, sein Innenleben scheußlich zur Schau gestellt und entweiht durch die spielenden Hände des Doktor Kothu.

»Nicht schlecht«, schrie Azarin, »aber für mich ist er nutzlos. Oder kann er sprechen?«

Kothu schüttelte den Kopf. »Sein Schädel wurde zertrümmert, er hat einige seiner Sinnesorgane verloren. Was Sie da sehen, ist nur eine kleine Notausrüstung, wie man sie auf jeder Krankenstation finden kann. Warten Sie zwei Monate, dann ist er wie neu.«

»Zwei Monate?«

»Oberst Azarin, bitte sehen Sie sich das Wesen auf dem Tisch da an, es ist kaum noch ein Mensch zu nennen.«

»Ja — ja, ich verstehe. Ich bin auch schon froh, daß ich ihn so habe. Könnte man ihn nicht transportieren, sagen wir, in das große Hospital in Novoya Moskva?«

»Er würde es nicht überleben.«

Azarin nickte. Etwas Gutes lag auch hierin. So konnte man ihn wenigstens nicht von ihm fortholen, und er würde es sein, der diesen Amerikaner auseinanderpflückte, der den Honig vom Baum holte.

»Schön, tun Sie ihr Bestes. Und schnell!«

»Natürlich, Oberst.«

»Wenn Sie irgend etwas brauchen, kommen Sie zu mir. Ich werde es Ihnen besorgen.«

»Danke vielmals, Herr Oberst.«

»Sie brauchen sich für nichts zu bedanken. Ich will diesen Mann haben, und damit Sie ihr Bestes tun können, bin ich bereit, Ihnen zu helfen.«

»Jawohl, Herr Oberst.« Doktor Kothu verbeugte sich und wartete, bis das Hallen der schweren Schuhe Azarins in den weiten Fluren des Hospitals verstummt war.

Am Ausgang stand Yung mit einer Gruppe SIB-Polizisten. Azarin gab Anweisungen zur Bewachung von Martino und befahl, daß das gesamte Operationsstockwerk von der Außenwelt abgeriegelt wurde. Er dachte daran, wie schnell solch eine Geschichte verbreitet wurde, und überlegte, wie er die vielen, die den Vorgang miterlebt hatten — seien sie Ärzte, Soldaten oder gar andere Patienten des Krankenhauses — zum Schweigen bringen konnte. Azarin war überzeugt, daß nur ein so großer Kopf wie er, diese Aufgabe lösen konnte; vorausgesetzt, daß der Amerikaner Rogers sie nicht zunichte machte.

Fünf Wochen vergingen. Azarin erreichte nichts während dieser Zeit. Fünf Wochen, von denen Martino nichts bemerkte.

* * *

Jedesmal, wenn Martino versuchte, einen Gegenstand ins Auge zu fassen, schwirrte es leicht in seinem Vorderschädel. Er bemühte sich, sich eine Ursache des Geräusches vorzustellen, aber er war noch zu schwach, um lange Überlegungen anstellen zu können. Es dauerte eine ganze Stunde, bis er etwas erkennen konnte.

Während dieser Zeit lag er unbeweglich, auf seinem Bett und lauschte den Geräuschen, die um ihn herum entstanden. Er stellte fest, daß auch seine Ohren nicht mehr ganz intakt waren und daß sein Kopf schmerzte, wenn ihn eine leichte Geräuschwelle traf. Es war ihm, als schwinge der ganze Schädel mit.

In seinem Mund spürte er das Plastikende eines Gerätes. Es schien ein Saugschlauch zu sein. Er schloß daraus, daß sein Kiefer gebrochen sein mußte und daß man ihm auf diese Weise seine Nahrung zuführte.

Die Bettücher, die ihn umgaben, waren heiß und rauh. Sein ganzer Oberkörper war verbunden. Es schmerzte ihn, wenn er seine rechte Schulter bewegte. Seine Linke war vollkommen gefühllos. Er fand, daß sein Arm fehlte. Das war schlecht. Dafür schien der andere aber noch zu gebrauchen zu sein.

Als er erkannte, daß er einen Arm verloren hatte, blieb er einen Augenblick unbeweglich liegen. Es dauerte etwas, bis er sich damit abgefunden hatte. Daß er noch seinen rechten Arm besaß, war schon eine Menge wert. Er war schließlich Rechtshänder. Langsam versuchte er seinen Unterkörper. Seine Beine und Hüften ließen sich bewegen. Gut, dachte er, also nicht gelähmt. Er hatte Glück gehabt, dünkte ihm, und er fühlte sich sogleich besser. Er versuchte noch einmal seine Augen. Diesmal erkannte er etwas. Er sah die blaue Decke des Raumes. Das Licht tat ihm weh, und er versuchte zu blinzeln. Augenblicklich wurde das Blau zu Gelb.

Er hatte eine eigenartige Verschiebung in seinem Kopf gespürt, und er stellte fest, daß alle Gegenstände, die er sehen konnte, gelb waren. Er versuchte noch einmal zu blinzeln. Diesmal verdunkelte sich der ganze Raum. Er sah wieder an die Decke. Wo eben noch das helle Licht war, schimmerte jetzt ganz schwach ein verschwommenes Etwas. Er glaubte, durch rußbeschmiertes Glas zu schauen.

Er war überrascht, daß er nicht den Geruch eines Krankenhauses roch oder die Struktur der Bettwäsche fühlen konnte. Er blinzelte noch einmaclass="underline" alles war wieder so hell wie zuvor. An den Ecken seines Sehradius erkannte er die einwärts gebogenen Kanten von Metall. Er hatte das Gefühl, durch einen schmalen Spalt die Außenwelt zu sehen. Langsam bewegte er seine rechte Hand und befühlte sein Gesicht.

* * *

Fünf Wochen — von denen Martino nichts wußte und in denen Azarin nichts hatte erreichen können.

Azarin hielt mit der einen Hand den Hörer seines Telefons. Mit der anderen griff er nach der Zigarettendose aus Sandelholz und holte sich eine Papyros mit Goldmundstück heraus. Er steckte sie in seinen Mund und schob sie in die rechte Ecke, so daß sie aus dem Weg war. Immer noch mit einer Hand, zündete er die Zigarette an. Seine Lippen schlossen sich zu einem Ring um den Papyros, als er den ersten Zug tat.

»Natürlich verstehe ich, daß die Alliierten darauf drängen, daß wir den Mann freigeben.«

Die Verbindung mit Novoya Moskva war schlecht. Aber er dachte nicht daran, lauter zu sprechen. Im Gegenteil, seine Stimme war fest und natürlich wie immer. Es hatte den Anschein, als wolle er seine Worte mit Gewalt durch den Draht jagen. Er fluchte leise vor sich hin, daß Rogers den Aufenthaltsort des Mannes so schnell herausgefunden hatte. Es wäre leichter gewesen, mit den Alliierten zu verhandeln, wenn man hätte sagen können, daß man nicht wüßte, wo der Mann sei. Jetzt hieß es, Zeit zu gewinnen, sehr viel Zeit sogar. Aber was machte man mit diesen verfluchten Telefongesprächen.

»Vor morgen werden die Chirurgen kaum ihre letzte Operation fertig haben. Ich glaube nicht, daß ich den Mann vor übermorgen mit Fragen bombardieren kann. Ja, natürlich. Ich möchte sagen, daß die Ärzte für diese Verzögerung verantwortlich sind. Aber sie sagen nur immer, daß wir froh sein können, den Mann überhaupt am Leben zu haben. Sie behaupten, daß alles, was sie tun, unbedingt notwendig ist. Martinos Zustand war außerordentlich bedenklich. Jede der Operationen ist in höchstem Maße kritisch, und ich bin überzeugt, daß Doktor Kothu ein ausgezeichneter Arzt ist. Das bestätigen auch die Unterlagen, die ich aus Ihrem Ministerium vor mir zu liegen habe.«

Azarin spielte seine Vorgesetzten gegen sich selbst aus. Er wußte, daß dies gefährlich war, aber er wußte auch, daß sie sich kaum selbst ad absurdum führen würden. Doktor Kothu war auch für sie eine Autorität.